Wie Du die Welt mit anderen Augen siehst

Bist Du ein weltoffener Mensch? Bist Du interessiert, kreativ und wissbegierig? Ja? Wusstest Du, dass es sich dabei nicht nur um Deine Interessen oder Vorlieben handelt? Offenheit für neue Erfahrungen gilt als ein Persönlichkeitsmerkmal. Forschungsergebnisse zeigen, dass Menschen, die offen für Neues sind, ihre Welt differenzierter wahrnehmen.

Offenheit ist ein Persönlichkeitsmerkmal

Wenn wir von Offenheit als Persönlichkeitsmerkmal sprechen, meinen wir damit insbesondere die Offenheit eines Menschen für neue Erfahrungen. Neben Gewissenhaftigkeit, Geselligkeit, Verträglichkeit und Verletzlichkeit, gehört diese Art von Offenheit zu den sogenannten „Big-Five“ – Persönlichkeitsmerkmalen.

Menschen mit einer ausgeprägten Offenheit sind neugierig und interessiert an ihrer Umwelt. Sie zeigen sich flexibel, argumentieren reflektiert, sind häufig fantasievoll und experimentierfreudig. Neuen Aktivitäten und Veränderungen stehen sie aufgeschlossen gegenüber. Ihr lebhaftes Vorstellungsvermögen hilft Ihnen dabei, unkonventionelle Lösungen zu entdecken.

Menschen, deren Offenheit dagegen eher schwach ausgeprägt ist, orientieren sich lieber an konventionellen Verhaltensmustern. Sie sind eher die Bewahrer der Traditionen und bevorzugen Routinen. Häufig verfügen Sie über spezielles Wissen, folgen in ihrem Leben klaren Zielvorstellungen und bevorzugen ein pragmatisches Vorgehen.

Ist zu viel Offenheit schädlich?

In der Vergangenheit war ein hohes Maß an Offenheit für Neues eher negativ belegt. Eine große Offenheit wurde schnell gleichgesetzt mit der Abkehr von Traditionen und der Ablehnung von Routinen und damit schnell mit einem unsteten Lebenswandel und dem Hang zu einem exzessiven, genussorientierten Leben in Verbindung gebracht. Neuere Studien relativieren diese Zusammenhänge.

Es ist nicht wichtig, was Du betrachtest, sondern was Du siehst.

Henry David Thoreau (1817-1862)

 

Die Welt mit anderen Augen sehen

 Was alle Menschen mit einer großen Offenheit verbindet ist, dass sie über eine umfassende und flexible Wahrnehmung verfügen. Sie sind nicht nur kreativer und neugieriger, sondern auch eher bereit, ihre Welt zu erkunden und sich aktiv mit ihren eigenen Gestaltungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen (DeYoung 2014).

Dabei wir Offenheit schon in einer Studie von 1997 als das Ausmaß der Breite, Tiefe und Durchlässigkeit des Bewusstseins angesehen. Offenheit steht hier auch für das immer wiederkehrende Bedürfnis, den eigenen Erfahrungshorizont zu erweitern (McCrae & Costa 1997).

Wer offen ist, sieht anders

Eine Studie der Universität Melbourne (Antinori et al. 2017) konnte zeigen, dass sich diese Offenheit auf das Sehen, also die visuelle Wahrnehmung auswirkt. Es konnte belegt werden, dass Menschen mit einer hohen Ausprägung von Offenheit tatsächlich die „Welt mit anderen Augen sehen“. Es ist wahrscheinlicher, dass sie bestimmte visuelle Reize wahrnehmen, die weniger offenen Menschen verborgen bleiben.

Binokulare Rivalität oder wie geht kreatives Sehen?

Um die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit zu testen, wurde die sogenannte „binokulare Rivalität“ getestet: Stell Dir vor, dass Deinem linken Auge ein anderes Bild gezeigt wird als Deinem rechten. Wie gehst Du mit diesen unterschiedlichen Bildern um? Was macht Dein Gehirn damit?

Die meisten Menschen schalten zwischen den beiden unterschiedlichen Bildern hin und her. Sie nehmen also abwechselnd das eine oder das andere Bild wahr.

Die Verschmelzung der Eindrücke

Manche Menschen sind aber dazu in der Lage, aus beiden Bildern ein gemeinsames Bild zu erzeugen, die beiden Eindrücke also miteinander zu verschmelzen. Im Gehirn entsteht damit ein Bild, das aus beiden Teilen besteht. Und zu dieser „Verschmelzung“ sind Menschen umso eher in der Lage, die eine besonders offene Persönlichkeit haben. Die Forscher sehen eine mögliche Begründung für dieses Phänomen darin, dass es einen Zusammenhang zwischen Offenheit und Kreativität gibt. Je offener, desto kreativer und umso leichter kann aus zwei unterschiedlichen Eindrücken etwas Neues erschaffen werden.

Das Tor der Wahrnehmung

Um unsere Wahrnehmung nicht zu überlasten, konzentrieren wir uns auf bestimmte sensorische Informationen und ignorieren andere Wahrnehmungen. So hilft uns unser innerer Filter z.B. dabei, den Verkehrslärm vor dem Fenster zu ignorieren, während wir mit jemandem telefonieren. Damit beeinflussen wir aktiv unsere Wahrnehmung.

Anna Antinori, die Hauptautorin der genannten Studie, bezeichnet dies als „das Tor“. Dies lässt nur Informationen durch, die das Bewusstsein erreichen sollen. Dieses Tor kann unterschiedlich weit geöffnet und geschlossen sein. Die Studienergebnisse belegen, dass Menschen mit einer hohen Offenheit tendenziell auch ein weiter geöffnetes Tor haben und damit mehr Informationen bewusst wahrnehmen als andere Menschen.

Mehr sehen, Offenheit trainieren!

Unsere Persönlichkeit verändert sich im Laufe des Lebens. Erfahrungen prägen uns, Erlebnisse beeinflussen unseren Blick auf die Welt und das bedeutet auch, dass unsere Persönlichkeitsmerkmale nicht auf ewig festgeschrieben sind. Wir können uns durch unser Selbsterleben und unser Welterleben weiterentwickeln.

Inzwischen ist die positive Wirkung von Meditation auf die eigene Offenheit und die oben erwähnte „bionukulare Rivalität“ nachgewiesen. Meditation kann also unsere Aufgeschlossenheit für neue Erfahrungen positiv beeinflussen und damit das „Tor“ öffnen.

Eines ist durch die Studienergebnisse von Antinori allerdings klar geworden: die Art und Weise, wie wir die Welt sehen, kann sich im Einklang mit der Persönlichkeit verändern.

Denken wir dies einen Schritt weiter: Je offener und aufmerksamer wir durch unser Leben gehen, umso mehr und intensiver können wir die Vielfalt unserer Welt wahrnehmen! Und dies beeinflusst unsere Persönlichkeit und wirkt sich positiv auf unsere Lebensqualität aus.

Gehen wir also mit offenen Augen durch unsere Welt und gönnen wir uns, neue Erfahrungen zu machen.

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