Lebensstark ist mehr als glücklich! Antworten der Existenziellen Positiven Psychologie

Der HappyHype und die Antworten der Positiven Psychologie 2.0

 

Bereits vor Covid-19 lag Glück voll im Trend. Gibt man das Suchwort Glück bei Google ein, so bekommt man über 97 Mio. Einträge – nur für den deutschsprachigen Raum.  Glück überall – zumindest dem Versprechen nach.

Neben Definitionen auf psychologischen Fachseiten findet man unendlich viele Tipps, Ratschläge und weise Sprüche, die uns ein glückliches Leben in bunten Farben zeichnen, und uns so das Gefühl geben, alles das sei bald und einfach für uns zu erreichen. Klar, es ist eigentlich normal, dass man Themen überzeichnet, die man haben will, aber nicht oder so noch nicht hat, wie es schöne Bilder, Filme und Werbeanzeigen vorzeigen. Das ist mit Traumpartnern, der Wunschfigur oder dem Traumjob ähnlich.

Als Sozialpsychologin empfinde ich es allerdings als recht fahrlässig, was alles unter dem Banner der Glücksforschung und der (Positiven)Psychologie durch die Lande getragen wird. Fundierte, sinnvolle und evidenzbasierte Methoden aus der psychologischen Forschung werden schnell aus dem Zusammenhang gepflückt. Die eigentliche Absicht dieser Forschungszweige, nämlich uns Wege zum eigenen Wohlbefinden zu zeigen, werden leichtfüßig unternehmerischen Zielen (Kurse verkaufen), dem SEO- Management (Ranking erhöhen) oder für mehr Likes und Follower geopfert.

Richtig Bauchschmerzen bereiten mir allerdings die „Glücksbooster-Versprechen“ aus 7, 12 oder 14 Tipps, die sofort (und natürlich für immer) glücklich machen und ein Leben in Glück und Mega-Erfolg in zwei Wochen in Aussicht stellen. Gekrönt wird das Ganze durch Bilder eines schwerelosen Lebens am sonnigen Palmenstrand, hochglänzend wie eine Lotteriewerbung. Was für ein Kontrast zum beengten Großstadtappartement ohne Balkon in Zeiten der Lockdowns.

Es ist hilfreich, wenn man Träume hat, sich Ziele setzt oder sich das „Licht am Ende des Tunnels“ zeichnet. Schwierig sehe ich allerdings die Superlativen, die hier reichlich genutzt werden: sofort, außergewöhnlich, 100 Prozent, Mega-Erfolg, für immer…Die Überzeichnung dessen, was „Glück“ ist und welchen Anteil es in unserem Leben hat (immer glücklich?). Warum ich das für problematisch halte?

  • Weil es nicht der Realität entspricht.

  • Weil es unsere Erwartungshaltung an unseren Alltag total verschiebt.
  • Weil es mir in der Bewältigung meines täglichen Lebens, wenn überhaupt, nur kurzfristig hilfreich ist.

 Wenn der “normale” Alltag zur Enttäuschung wird

Seit Monaten belasten uns die Pandemie-Beschränkungen. Wir haben Angst an Covid zu erkranken, sorgen uns um Angehörige und Freunde. Homeoffice und Homeschooling hatten wir uns einfacher vorgestellt. Existentielle Sorgen lassen unsere Gedanken kreisen, und liegen bleischwer auf den Schultern. Angehörige systemrelevanter Berufe in Medizin, Pflege, in der Logistik oder im Einzelhandel arbeiten unter diesen Bedingungen noch mehr als sonst, und werden mit hochgereizten Menschen und mit Leid und Trauer konfrontiert. Ausgleiche, soziale Kontakte und Ablenkungen fehlen: kein Fitnessstudio, kein Kino, kein Theater, noch nicht mal ein Stopover im Bistro oder einer Bar war drin. Der Hype von Zoom Meetings, Wohnungsrenovierungen und das Singen unterm Balkon: längst Vergangenheit! Die Sehnsucht nach dem „alten“ Normal wird immer größer und gleichzeitig immer unrealistischer. Und bei all dem fehlen wirkliche Orientierung und eine gewisse Stabilität.

Wir sind „durch“, „platt“, ausgelaugt. Wie wohltuend, wenn wir dann lesen: „Alles wird gut. Glück und Energie kannst auch Du erreichen!“ Da tun diese wunderschönen Bilder und Texte gut, die luftig, sonnig, fröhlich und voller Leichtigkeit sind und Dir zeigen wollen, dass Du das genauso in nur wenigen Schritten erleben wirst.

Aber helfen Sie uns unseren Alltag zu „überleben“? Kann ein normaler Tag wirklich dauerglücklich sein? Kann ich all das, was mich fordert, stresst oder schmerzt aussortieren, damit der Tag sonnig bleibt?

Was passiert, wenn am Abend die Sonne wieder nicht scheint, obwohl ich doch die 16 Schritte aus der Anleitung des Glücks-Journals oder dem Insta-Post alle befolgt habe? Dann ist doch der Tag gelaufen – sch… alles.

Schlimmstenfalls sind wir nicht nur enttäuscht, deprimiert und niedergeschlagen, sondern zweifeln auch noch an uns selbst. Vielleicht habe ich was falsch gemacht oder übersehen? Warum krieg ich es nicht hin? Warum schaffen es die Anderen? Habe ich zu wenig „manfestiert“, dass alles gut wird?

Was übrigbleibt? Ein total mieses Gefühl, was meilenweit vom ersehnten „Glücksempfinden“ entfernt ist. Und by the way auch nicht wirklich dabei hilft Deinen Alltag zu meistern. Und nein, mit Alltag meine ich nicht „öde“, „grau“ und „deprimierend“, sondern ich meine das reale wirkliche Leben: das ist zwar oft stressig aber deshalb nicht per se schlecht. Aber durch diese Glücklichseinwollen-Erwartungshaltung werde ich nicht nur schneller vom realen Leben enttäuscht, sondern es wird deprimierender als es sein müsste und es bringt mich null weiter.

Ja, und jetzt?

Positive Emotionen und das glückliche Sahnehäubchen

Zuallererst geht es darum, sich darüber klar zu werden, was „Glück“ eigentlich ist. Da brauchen wir gar nicht so sehr in der Definitionenkiste kramen. Glück ist der Gipfel der positiven Emotionen. Glück ist so etwas wie das Sahnehäubchen, aber eben nicht der ganze Kuchen und erst recht nicht das Rezept. Glück ist Belohnung, ist Krönung, ist die Feier. Ein schöner und wichtiger Bestandteil des Lebens, aber eben nur ein Teil. Glück ist die schöne Blume am Wegesrand oder die tolle Aussicht, nachdem ich mühsam den Berg bestiegen habe. Aber Glück ist nicht der Weg durchs Leben. Glück ist nicht jeden Tag.

„Mhm, okay. Aber die vielen Glücksstrategien zeigen mir doch, wie ich das Glücklichsein maximieren und optimieren kann. Ist doch gut, dann kriege ich doch nachher die ganze Blumenwiese, nur noch schöne Aussichten und mega viel Sahne auf den Kuchen.“ Ja, wäre schon toll. Aber mal abgesehen davon, dass nur Blumen und nur Sahne auch auf Dauer ihre Besonderheit verlieren: Was mache ich denn, wenn diese Strategien mir nur viel deutlicher machen, wie sahnelos mein Alltag ist? Wenn sie mir nicht helfen können, durch eine blöde Situation zu kommen, oder mit Ärger und Wut umzugehen? Wie man mit den Herausforderungen des Lebens klarkommt, seinen eigenen Weg findet und ihn in Selbstwirksamkeit und Selbstverantwortung auch bei Gegenwind und miesen Tagen weitergehen kann: da helfen die vielen Tipps aus der Glücksforschung kaum weiter.

Das Positive ist nur eine Seite der Medaille – die Erweiterung der Positiven Psychologie auf 2.0

Die Positive Psychologie, eine recht junge, und in Deutschland noch wenig etablierte Fachrichtung der Psychologie, ist vor allem mit Namen wie Martin Seligman und Ed Diener verbunden. Sie hat einen Perspektivenwechsel in der Psychologie eingeleitet, denn sie konzentriert sich nicht auf psychologische Probleme und Krankheiten, sondern auf positive Emotionen. Sie erforscht das subjektive Wohlbefinden des Menschen und alle Einflussfaktoren, die sich positiv darauf auswirken können. Es zeichnet sie auch aus, dass sie ihre Erkenntnisse nicht nur mit wissenschaftlichen Insider-Kreisen teilt, sondern sie bewusst praxisorientiert Empfehlungen an uns weitergibt.

Begriffe wie „Flow“, „Mindfulness“, „Grid“ oder „Flourshing“ werden viele schon einmal gehört haben oder gar praktizieren.

Allerdings hat der oftmals ausschließliche Fokus der Positiven Psychologie auf positive Emotionen und die Steigerung des Wohlbefindens in den letzten Jahren auch in wissenschaftlichen Kreisen zu Kritik geführt, weil negative Aspekte des Lebens zu sehr vernachlässigt würden. Aus dieser Kritik heraus entwickelte der kanadische Psychologieprofessor Paul T. W. Wong eine Erweiterung zur Positiven Psychologie nach Seligman, die er selbst als „second wave“, also als die zweite Welle der Positiven Psychologie bezeichnet hat. Mittlerweile nennt Wong diesen Ansatz „Existenzielle Positive Psychologie“. Synonym findet man auch die Bezeichnung „Positive Psychologie 2.0“.

Zentral darin ist die Auffassung, dass die negativen Seiten des Lebens nicht ausgeblendet werden dürfen, und ein Bewusstsein für die Tatsache geschaffen werden muss, dass Leid, Schmerz, Probleme und Herausforderungen in unser aller Leben existieren und diese Erfahrungen normal sind.

Wong schreibt hierzu u.a.:

„In meinem langen Leben habe ich keinen einzigen Menschen kennengelernt, der nicht unter irgendeiner Art von existenziellem Schmerz gelitten hat, sei es der Verlust eines geliebten Menschen, die Angst vor dem persönlichen Untergang oder ein überwältigendes Gefühl der Sinn- und Hoffnungslosigkeit. Einige meiner Klienten haben unvorstellbare Schrecken des Lebens durchgemacht. Dennoch konnte ich in der Literatur zur Positiven Psychologie nichts darüber finden, wie man inmitten von Leid zu nachhaltigem Sinn und Freude gelangen kann.“ (Anm.: übersetzt durch die Autorin)

Eine Denkweise, die man zwar schon aus anderen Bereichen und Wissenschaften kennt, wie z.B. der Stoa oder der Lebensphilosophie, die aber im Kontext der Positiven Psychologie eine entscheidende Perspektivenerweiterung bedeutet.

Wohlbefinden trotz und durch Lebensherausforderungen – das Besondere der Existentiellen Positiven Psychologie

Wie immer im Leben spielt das „Und“, die Ganzheitlichkeit und Mehrdimensionalität eine wesentliche Rolle, auch, wenn es um die Lebenstauglichkeit und Lebensorientierung von Theorien, Modellen und Philosophien geht, was leider immer wieder vernachlässigt wird.

Wong schließt in seiner Existentiellen Positiven Psychologie bewusst den Ansatz der Positiven Psychologie nach Seligman mit ein, und integriert darüber hinaus Erkenntnisse aus der Logotherapie (Frankl), der fernöstlichen Philosophie sowie spiritueller Lehren. Weit mehr als in dieser Verbindung findet sich die Besonderheit der Existentiellen Positiven Psychologie aber darin, dass sie uns Denkweisen und Wege zeigt, trotz und mit Lebensherausforderungen Wohlbefinden und Lebensbalance zu erreichen. Sie betont das dialektische Prinzip von Yin und Yang, womit in diesem Kontext die Wechselwirkungen zweier Gegensätze in einem Entwicklungsverlauf gemeint sind.

Damit holt die Existentielle Positive Psychologie schwierige Lebenssituationen und negativ belegte Emotionen wie z.B. Schmerz, Angst, Leid, Trauer als normale Bestandteile des Lebens aus der Verbannung der Glücksforschung heraus und positioniert sie neben dem Positiven als gleichberechtigt im Leben. Sie sieht schwierige, unangenehme und unerwünschte Emotionen und Ereignisse in unserem Leben als notwendig für das eigene Wachstum an. Das bedeutet, dass ein nachhaltiges Wohlbefinden, eine optimale Charakterentwicklung und ein sinnerfülltes Leben eben nicht nur vom Auf- und Ausbau des Positiven abhängen, sondern ebenso sehr davon beeinflusst werden, wie wir auf unsere Lebensherausforderungen reagieren, sie annehmen, transformieren und eine Balance zwischen dem Positiv und Negativ unseres Lebens herstellen. Damit deckt sie die Gesamtheit des Lebens und der menschlichen Erfahrungen ab.

Die Positive Psychologie 2.0 ist also keine Glücksmaximierungsstrategie, sondern zeigt Wege zu einer individuellen, balancierten Lebensbewältigung. Damit bereitet sie uns auf Lebensherausforderungen vor und unterstützt uns bei deren Bewältigung. Nicht zuletzt sorgt sie so auch dafür, dass unsere Erwartungen an das Leben realistischer werden, wir gestärkt werden und letztlich das wahre Glück als Sahnehäubchen besonders genießen können.

In diesem Verständnis wird klar: Lebensstark ist mehr als glücklich.

“Wahre Positivität ist das Finden von Licht in der Dunkelheit!”

Paul T.W. Wong

 

Als Grundlage für diesen Artikel diente u.a.

Wong, P. T. P. (2019, July 31). Second wave positive psychology’s (PP 2.0) contribution to counselling psychology, [Special Issue]. Counselling Psychology Quarterly.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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